Montag, 22. Januar 2007

Politische Verantwortung

Eines der ersten Dinge, die ich gelernt habe, als ich nach Israel gegangen bin, war die Sache mit der Politik. Ganz am Anfang habe ich ein paar Mal den Versuch gestartet, mit meinen Eltern über die politische Situation hier zu sprechen. Besser gesagt, sie ihnen zu vermitteln. Aber ich kam einfach nicht gegen die voreingenommene Berichterstattung in D an. Ich habe leider nicht Lilas Talent, die Dinge darzustellen und lasse mich schnell mundtot machen. Oft scheinen mir die Argumente der anderen stärker, überzeugender. Dann beginne ich an meiner eigenen Sichtweise zu zweifeln, statt sie zu verteidigen. Oder mir fehlen die richtigen Worte. Das läuft ja im Endeffekt auf das Selbe hinaus. Wenn Freunde und Bekannte mich fragten, ob ich denn von den "Unruhen" etwas mitbekäme, ob es denn nicht gefährlich sei, bin ich daher sehr schnell dazu übergegangen abzublocken. Ja, dort wo wir wohnten, sei alles ruhig. Ausser in den Nachrichten bekämen wir davon eigentlich nichts mit. Was ja auch so stimmt. Mehr oder weniger jedenfalls, und abgesehen von der Tatsache, dass ich nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre und zwischenzeitlich monatelang öffentliche Plätze wie Einkaufszentren und Cafés gemieden habe.
Aber Tatsache ist, dass ich mich bei solchen Antworten immer unwohl gefühlt habe, mich auch noch immer und in zunehmendem Masse unwohl fühle. Denn eigentlich hat diese Haltung dazu geführt, dass ich mich von den politischen Nachrichten abgewandt habe. Unbewusst jedenfalls, aber das ist mir erst in letzter Zeit wirklich bewusst geworden. Wenn im Auto auf dem Weg zur Arbeit die Nachrichten beginnen, schalte ich schon nach wenigen Sekunden automatisch gedanklich ab, selbst wenn ich mir kurz vorher geschworen habe zuzuhören. Und das ist eigentlich längst kein Sprachproblem mehr. Wenn ich höre, dass ein zweijähriges Mädchen, das am Vortag von einem Küchenschrank begraben worden ist, in der Nacht im Krankenhaus gestorben ist, dann horche ich auf. Dann möchte ich auf der Stelle weinen und mein Gesicht in den Händen vergraben. Aber wenn Politik geredet wird, dann kommt das bei mir irgendwie nicht mehr an. Mir kommt also nicht nur die deutsche Rechtschreibung abhanden, sondern auch die politische Verantwortung. Und damit fühle ich mich schlecht. Denn im Grunde ist es ja so, dass ich gar nicht mehr mitdiskutieren kann, weil mir einfach zu viel Hintergrund fehlt. Das ist eigentlich unentschuldbar in einem Land wie diesem, in dem man doch nicht umhin kommt, Stellung zu beziehn. Und so ermahne ich mich und nehme mir vor, diese Situation zu ändern. Das braucht natürlich Zeit und Konsequenz, aber die muss ich einfach aufbringen.

7 Kommentare:

schmetterlingsfrau hat gesagt…

Interessante Erfahrung.
Diese Ausfragerei von Bekannten kenne ich auch. Das beste war die Frage "Ist das nicht schwer da unten, besonders als Frau?" Hä? Oder sie fragen ob wir "Palästinenser kennen". Ganz Unbekannte fragen immer zuerst: "Ist dein mann Palästinenser oder...?" Oder!

Zur Politik geht es mir eher umgekehrt. Politisch interessiert war ich immer, allerdings viel mehr in die optimistische, pazifistische, linke Richtung. Seitdem ich hier bin, sehe ich vieles sehr anders. Das Leben in Israel macht einen irgendwie hart. Man sieht aus erster Hand, wie Menschen wirklich sind. Und das ist nicht immer etwas Gutes.

Natürlich muß man Stellung beziehen. Eine richtige europäische Einstellung kann man eigentlich nur dann vertreten, wenn man als Tourist oder Missionar oder ähnliches in Israel lebt. Sobald man im jüdischen Sektor lebt, d.h. in einer Familie, (und erst recht wenn man jüdisch ist), hat man schon Stellung bezogen.

Jeanne hat gesagt…

Ja, da gebe ich dir Recht. Ich sehe auch einige Dinge anders, seit ich hier lebe. Das macht es ja gerade so schwierig. Trotzdem komme ich manchmal nicht umhin, den europäischen Standpunkt einzunehmen (wenngleich schon weniger als am Anfang) -- das führt dann manchmal auch zu Reibereien mit meinem Göttergatten.

Generell war ich allerdings immer schon politisch weniger interessiert. Dass ich ausgerechnet in Israel gelandet bin, birgt also eine gewisse Ironie in sich. Wenn ich Stellung beziehe, dann aber auch eher links und pazifistisch. Eigentlich bin ich auch ein optimistischer Mensch, aber was die Lage hier anbelangt, habe ich meinen Optimismus irgendwie verloren.

Witzig, was dich die Leute so fragen. Bei mir schauen sie nur immer ganz besorgt, fast mitleidig. :-)

Übrigens habe ich dich nicht vergessen -- ich werde versuchen, dich an einem der nächsten Abende mal anzurufen!

Anonym hat gesagt…

liebe jeanne,

"links und pazifistisch" - ich finde dein durchhaltevermoegen wirklich toll .... als EHEMALIGER linker und EHEMAILGER pazifist kann ich dir nur beifall klatschen und sagen das ich inzwischen beide krankheiten ueberwunden habe. (das ist nicht boese gemeint, du weisst doch um meine zynische ader !)

jedenfalls wundere ich mich heute immer mehr und immer wieder darueber wie blind ich fuer den antisemitismus der linken im allgemeinen(dort wird der hinweis natuerlich weit von sich gewiesen, man ist ja nur antizionistisch, was nichts anderes als antisemitisch ist, nur mit dem unterschied das hier noch menschenrechte fuer den eigenen antisemitismus missbraucht werden)und der pazifisten im besonderen war.

und das noch ueber den golfkrieg 1991 hinaus wo sich der antisemitismus und israelhass der selbsternannten pazifisten ungeschminkt zeigte.

das dies alles auch noch von der realitaet unbefleckte "europaeische standpunkte" sind ist wohl wahr, das menschenbild von der voelkerfreundschaft muss dann halt durch den hass auf die usa und israel aufrechterhalten werden.

nun ja, egal, das koennen wir ja vielleicht bei ´ner tasee kaffee diskutieren ....

:-)

liebe gruesse,
grenzgaenger

schmetterlingsfrau hat gesagt…

Es ist schon erschreckend, wie sehr ich mich verändert habe. Ich meine, früher einmal fand ich es unmöglich, wenn ein Bursche zum Militär ging. Heute empfinde ich die penetrante moralisierende Haltung der Verweigerer einfach weltfremd.

Oder nimm das Gesundheitssystem. Oder die Studiengebühren, Rente. In Europa kriegt man wirklich alles in den Rücken geschoben, und die Leute beschweren sich noch. Was ist in Israel? Ohne Ellbogen stehst du dumm da.

Und der allgegenwärtige Rassismus. Hier hacken alle auf allen rum, jeder macht sich über jeden lustig. Und keiner findet was dabei. Es fehlt diese strenge Borniertheit, die dauernde Empörung.

Und natürlich das Frauenbild. Meine Güte, israelische Frauen sind emanzipierter als europäische. Und sich sexy kleiden als Oma! Einfach toll. Auch da sehe ich vieles anders. Meine Schwiegeroma kleidet sich wie ein Teenager. Und hat ein Lifting machen lassen. Das hätte mich vor ein paar Jahren abgestoßen.

Es ist vieles anders. So anders, daß ich glaube ich nicht mehr zurückkönnte.

Anonym hat gesagt…

hi schmetterlingsfrau,

ich weiss nicht ob es unbedingt erschreckend sein muss sich selbst und seine meinungen zu aendern.

es ist eher ein merkmal denkender menschen meinungen immer und immer wieder auf den pruefstand zu stellen - oder ?

natuerlich ist dieser prozess ziemlich unbequem und schmerzhaft, aber dennoch notwenig .....

erschreckender finde ich das manche leute mit 20 schon so ein verkleistertes weltbild haben das sie nicht mehr in der lage sind weiter als um die naechste strassenecke zu denken, von grundsaetzlichen veraenderungen mal ganz zu schweigen ....

da finde ich veraenderungen eindeutig besser :-)

liebe gruesse,
grenzgaenger

Jeanne hat gesagt…

Oh, ich habe mich auch sehr verändert. Ellenbogen hatte ich früher überhaupt nicht, aber ohne die kann man hier ja gleich einpacken. Das war damals Shais größte Sorge -- dass ich mich hier unterbuttern lasse. Inzwischen bin ich manchmal schon fast so dreist und ungeduldig wie die Israelis selbst.

Ich begreife auch immer nicht, warum speziell Deutsche sich so viel beklagen. Die Sozialleistungen in D sind wirklich um einiges besser als hier, die wirtschaftliche Situation auch (die politische lassen wir mal aussen vor) -- und trotzdem jammern immer alle rum, dass es so viele Kürzungen gibt. Ach herrje. Studiengebühren sind ein prima Beispiel. Dabei muss ich zugeben, dass ich damals, aber das ist schon gut zehn Jahre her, als das Thema zum ersten Mal aufkam, auch mitdemonstriert habe. Heute verstehe ich nicht mehr, wie der Staat sich dieses System leisten kann/konnte.

Ich möchte definitiv nicht zurück. Ich könnte mich sicherlich wieder einglieder, das denke ich schon, aber es gibt so viele Dinge, die mir hier besser gefallen, weil eben alles um einiges formloser, ungezwunger ist, halt weniger borniert, wie du es so schön sagst. Ich könnte hier jetzt noch endlos weiterschreiben... Beispiele gibt es wie Sand am Meer.

Ich jedenfalls empfinde die Veränderung an mir selber eigentlich als positiv. Mir hat der Schritt hierher sehr gut getan. Abgesehen davon, dass ich meine Familie sehr vermisse natürlich.

Bei einer Tasse Kaffe würde ich gerne noch weiter diskutieren...

Jeanne

Anonym hat gesagt…

Schöne Fragen sind auch: mußt du im Kibbuz Uniform tragen? mußt du immer bewaffnet sein? (die wenigsten Leute kennen den Unterschied zwischen Kibbuz und Siedlung....)

Ich weiß nicht, wie weit ich mich verändert habe. Ich denke eher in Prinzipien, und ich finde es ja prinzipiell richtig, daß der wilhelminische Kult von Macht, Gewalt und Militär überwunden ist. Was an seine Stelle getreten ist, fand ich noch nie sehr berauschend. Allerdings wird mir erst im Laufe der Jahre, danke, Bloggen!, klar, wie tief Gehässigkeit und Doppelmoral in Bezug auf Israel sitzen.

Das stört mich mehr als die Prinzipien selbst. Wer Pazifist sein will, soll das ruhig - ich habe nichts gegen Bertha von Suttner. Aber dann bitte auch konsequent auf eigene Vorteile per Waffenindustrie verzichten, Frankreich gegenüber dieselbe moralische Messlatte anlegen wie Israel etc.

Die Inkonsequenz, die stört mich mehr als die Blauäugigkeit. Und die Dummdreistigkeit, mit der Leute, die NULL, aber wirklich UNTER NULL Ahnung haben, mir erklären, wie der Nahe Osten funktioniert. Sie wissen nicht, wie groß Israel ist und wann der Staat gegründet wurde und was hier vorher war und welchen Status israelische Araber haben - vernachlässigbare Kleinigkeiten - aber ein Rezept zur Lösung aller Konflikte, das haben sie. Da bin ich manchmal wirklich platt, wie selbstbewußt die Leute sind.

Aber ich würde mich auch hier zur gemäßigten Linken zählen, auch wenn ich mit Liberalen und Konservativen in vieler Hinsicht übereinstimme. Vielleicht nicht sehr weit links von der Mitte, aber doch. Leider gibt es in der Politik keine überzeugenden Vertreter dieser Haltung, hm, vielleicht fällt mir ja noch jemand ein?

Aber was Studiengebühren angeht: ich halte nicht viel davon. Das System hier überzeugt mich nicht. Jede Leistung der Uni wird zur Ware, jede Prüfung bringt Geld, deswegen wuchert die Bürokratie weiter, vollkommen überflüssige Hürden werden eingebaut, und Auswahl per Geldbeutel ist nicht der richtige Weg zur Exzellenz. Ich hoffe, mit einem vernünftigen System von Stipendien für wirklich gute Studenten, die sich ein Studium nicht leisten können, wird dagegengesteuert. Oder ein rationales System von Krediten.

Das akademische System muß nun einmal, wie die Oper und das Museum, subventioniert werden - und wenn man wirklich freie Lehre und Forschung haben will, darf man sie nicht nur als Knechte der Wirtschaft sehen. Da spreche ich als Geisteswissenschaftlerin in einer Welt, die wirklich nur noch wirtschaftlich verwertbare Werte kennt. Das hat mit dem Land, aus dem ich komme, weniger zu tun, sondern mehr mit meiner Vorstellung, was Wissen ist und wie es weiterverbreitet und weiterentwickelt werden soll. Wenn möglich, dann nicht gegen Geld - oder zumindest nicht gegen so viel Geld, daß ganze Schichten keinen Zugang dazu haben.

Ich bin längst zum Israeli mutiert und würde es in Deutschland keine zwei Monate mehr aushalten. So sehr ich meine Familie liebe - ich kriege nach kürzester Zeit massives Heimweh nach Israel, nach der Sprache, nach der Atmosphäre. Ich habe übrigens gesehen, daß es Leute gibt, denen ein Aufenthalt hier die Augen etwas öffnet -- das macht mich dann wieder etwas optimistischer. Etwas.

Lila